Das aktuelle Flugblatt

An dieser Stelle wird das Flugblatt publiziert, das gerade an der Universität Hamburg auf den Mensatischen verteilt wird. Im Archiv finden sich alle vorhergehenden Flugblätter.

Zum letzten Flugblatt: Regierungskrise. Krakeel von rechts.

Zur Semesteranfangszeitung für das Sommersemester 2018.

Das aktuelle gemeinsame Flugblatt im Bündnis für Aufklärung und Emanzipation (BAE!):
Was wir brauchen: Die Wissenschaft von und in der Großzügigkeit.

Wahnwitzige Worte
Wider den Zynismus in Wort und Tat

„Politik ist Sprache, und wenn die Sprache sich verändert, verändert sich auch das Wesen der Politik – die Verrohung durch Taten beginnt mit der Verrohung von Worten, die Abstumpfung, das Ressentiment, die Ausgrenzung, der Rassismus, die Kälte, die Kriminalisierung, schließlich der Tod, hingenommen oder geplant, all das, was mit Menschen gemacht wird, bereitet sich vor durch Worte. Wir erleben das gerade in einem Maßstab wie zuletzt vor 80 Jahren. Damals trafen sich Vertreter von 32 Staaten im französischen Kurort Évian, vom 6. bis 15. Juli 1938, um darüber zu verhandeln, wie 540.000 Juden aus Deutschland und Österreich verteilt werden könnten. Die Konferenz scheiterte. Ein paar Monate später wurden in den Novemberpogromen Juden ermordet, Geschäfte geplündert, Synagogen angezündet. Die Gemeinschaft der Völker hatte versagt.
Und nun, 70 Jahre danach, 80 Jahre danach, wir haben wohl wenig gelernt: Wieder gibt es Kälte, Härte, Politik gegen Menschen, Worte werden verbogen, Werte verleugnet, Rassismus breitet sich aus im Inneren wie im Äußeren, mit brutalen Folgen: Der vergangene Juni war der tödlichste seit fünf Jahren, obwohl deutlich weniger Geflüchtete unterwegs sind, 629 Tote, so meldet die Hilfsorganisation Sea Watch.“

Georg Diez, „Monsterworte/Sprache der Flüchtlingspolitik“, „SPIEGELONLINE“, 8. Juli 2018.

 

„MEPHISTOPHELES: Ich wünsche nicht, Euch irre zu führen,
Was diese Wissenschaft [Theologie] betrifft,
Es ist so schwer, den falschen Weg zu meiden,
Es liegt in ihr so viel verborgnes Gift,
Und von der Arznei ist’s kaum zu unterscheiden.
Am besten ist ́s auch hier, wenn Ihr nur den E i n e n hört,
Und auf des Meisters Worte schwört.
Im ganzen – haltet Euch an Worte!
Dann geht ihr durch die sichre Pforte
Zum Tempel der Gewißheit ein.
SCHÜLER: Doch ein Begriff muß bei dem Worte sein.“

Johann Wolfgang v. Goethe, „Faust I“, „Schülerszene“, 1808.

Georg Diez (s.o.) nennt in seiner Kolumne die „Monsterworte“ „Masterplan“, „Ausschiffungsplattform“, „Ankerzentren“ von falscher bundesdeutscher Regierungszunge, aber auch die zynische Semantik des italienischen Innenministers Matteo Salvini, der die Geflüchteten als „Menschenfleisch“ abgrundtief abwertet sowie die AfD, welche die Hilfsorganisationen als „kriminelle Vereinigungen“ pur verunglimpft.

Dieser Geist ist schier unmenschlich und direkter Ausdruck unmenschlicher und menschenrechtswidriger Politik.

Nicht die tatsächliche Entwicklungshilfe wird erhöht; die Kriege werden nicht beendet; die Rüstungsexporte laufen unbeirrt weiter; Umweltkatastrophen werden nicht gebändigt; Flüchtlinge werden nicht gerettet oder menschenwürdig aufgenommen; faire Handelsbeziehungen werden nicht konstituiert; der Sozialstaat (Bildung, Gesundheit, Kultur) wird nicht bedarfsgerecht wieder hergestellt; sinnvolle Arbeit mit ausreichender Bezahlung nicht geschaffen; die Wahrheit wird nicht gesprochen; wahrheitsgemäß wird kaum gehandelt.

Da darf nicht wundern, wenn in den neuesten Sonntagsfragen CDU/CSU und die SPD deutlich an Zustimmung verlieren, die sogenannte GroKo ihre Mehrheit verliert und die AfD der SPD prozentual gefährlich auf die Pelle rückt. (Die FDP verliert auch, die Grünen gewinnen dazu und die LINKE bleibt stabil.)

Damit ist die Bevölkerung selbst, der citoyen, „der große Lümmel“ (Heinrich Heine) gefragt und gefordert: Den Lügen nicht zu glauben, dem Zynismus zu widersprechen, für bessere, solidarische Lebensbedingungen zu wirken. An jedem Ort, zu jeder Zeit. Wirksam ist, wer nicht vergißt, was falsch und was richtig ist.

„MEPHISTOPHELES ernsthaft:
Nun haben wir ́s an einem andern Zipfel,
Was ehmals Grund war ist nun Gipfel.
Sie gründen auch hierauf die rechten Lehren,
Das Unterste ins Oberste zu kehren.
Denn wir entrannen knechtisch-heißer Gruft
Ins Übermaß der Herrschaft freier Luft.
Ein offenbar Geheimnis, wohl verwahrt,
Und wird nur spät den Völkern offenbart.“

Johann Wolfgang v. Goethe, „Faust II“, Vierter Akt, „Hochgebirg“, 1832.

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